Donnerstag, 8. Juli 2021Liebe Leserinnen und Leser, heute schreibt die Fohnsdorfer Poesiepädagogin Birgit Krenn hier auf murtalinfo ihren nächsten Beitrag „Das Schreiben und sein Ruf“. Warum uns das Schreiben so schwer fällt und was wir dagegen tun können.
„Das Schreiben und sein Ruf“
„Ich war schon in der Schule nicht gut im Aufsatzschreiben“, ist die häufigste Reaktion, die ich bekomme, wenn ich sage, was ich beruflich mache. Das kommt gleich nach „Ich habe mich schon in der Schule nicht für Deutsch interessiert.“ Ich bin Poesiepädagogin – Autsch! Da vereinen sich gleich zwei furchtbare Schulzeit-Vorstellungen in einem Berufsbild. Die unergründliche, abgehobene Sprache der Lyrik, die sich nur jenen erschließt, die vom Leben nichts wissen wollen und Gedichtbände ihre besten Freunde nennen und der erhobene Zeigefinger der Lehrerin, die ausbessert, korrigiert und vor allen Dingen – bewertet. Im schlimmsten Fall nicht nur, wie ich etwas schreibe, sondern auch noch was ich schreibe. Wer möchte sich da nicht öffnen und sein Innerstes nach außen kehren?
Natürlich, eine gewisse Hinwendung braucht es schon, wie für alles, dem Sie nachgehen wollen. Niemand muss Kreatives Schreiben können, aber es muss sich auch niemand verkneifen. Um zu schreiben, brauchen Sie nicht mehr als einen Stift, ein Blatt Papier, etwas Neugierde und ein bisschen Freude am Teilen, Mit-teilen, am Austausch, aber auch davon nur ein bisschen. In erster Linie brauchen Sie Neugierde. Auf sich selbst und die Welt, in der Sie leben, wie sie sich Ihnen zeigt, wie Sie sie erleben und wie Sie sie erleben möchten.
Schreiben kann so unendlich viel. Zum Beispiel Freude bereiten. Über einen gelungenen Satz, eine gelungene Formulierung, die ganz Ihnen gehört und ganz und gar aus Ihnen kommt und doch auf etwas verweist, das vielleicht viele kennen. Sie haben es sich zu eigen gemacht. Damit gewinnt man keinen Literaturpreis, aber das muss man auch nicht, um Freude und Zufriedenheit zu erfahren.
Schreiben ist (m)ein Zufluchtsort und (m)eine Spielwiese. Immer erreichbar, immer verfügbar. Hier kann ich zur Ruhe kommen, wenn das Leben wieder einmal schneller ist als ich es mag. Hier kann ich mich neu ausrichten, wenn das Leben zu stagnieren droht. Hier entwerfe ich meine Vorstellungen über meine Zukunft – und es ist ganz egal, ob das Leben möglicherweise etwas anderes mit mir vor hat – denn hier entscheide ich. Und allein zu wissen, was ich mir wünsche und für mich ersehne schenkt mir so viel mehr Lebendigkeit als es nicht zu wissen (oder zu glauben, dass ich es wüsste). Auf dem Papier habe ich etwas über Träume gelernt. Dass es solche gibt, die nicht verwirklicht werden müssen und solche, denen man unbedingt nachgehen muss, weil man sonst zu viel von sich selbst aufgibt. Schreiben hilft dabei, den Unterschied herauszufiltern.
Sie können das Schreiben auf so viele unterschiedliche Arten nutzen. Zur Selbstfindung, zur Reflexion, als Werkzeug zur Problemlösung, um neue Welten zu gestalten, Figuren zu erschaffen, den eigenen Lebensweg aufzuarbeiten, etwas bewahren, ergründen, gestalten oder einfach nur, um zu spielen.
Was Sie nicht dürfen. Jedenfalls nicht in den Entstehungsphasen, aber eigentlich überhaupt nie –Ihre Arbeit bewerten. Sie spüren es, wenn etwas gelungen ist. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Wunsch sich zu entwickeln und dem Bedürfnis zu bewerten. Kreativität entfaltet sich am liebsten dort, wo sie angenommen wird und ganz sie selbst sein darf. Dann wächst sie ganz natürlich, organisch und mit ihr die Künstlerin/der Künstler.
„Kreative Arbeit ist Spiel. Sie ist freies Nachdenken unter der Verwendung der Materialien, die einem die gewählte Form zur Verfügung stellt.“
(Stephen Nachmanovitch)
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